
Rohmaterialien sind die Hauptbestandteile eines Endprodukts, die physisch und wertmäßig dominant in dieses eingehen — etwa Leder bei der Schuhherstellung, Stahl im Maschinenbau oder Mehl in der Backwarenproduktion. In SAP Business One werden sie als Komponenten in Produktionsstücklisten definiert, beim Fertigungsprozess dem Lager entnommen und fließen als Materialkosten in die Herstellkosten des Endprodukts ein.
Buchhalterische Einordnung
Die korrekte Klassifizierung ist nicht nur eine begriffliche Feinheit — sie entscheidet über die Erfassung auf Aufwandskonten und die Bestandsbewertung in der Bilanz, wo Rohmaterialien unter den Vorräten ausgewiesen werden. Drei Kategorien sind klar zu unterscheiden:
- Rohstoffe: Hauptbestandteile, die physisch und wertmäßig dominant in das Endprodukt eingehen.
- Hilfsstoffe: Nebenbestandteile, die zwar in das Produkt eingehen, aber wertmäßig oder mengenmäßig untergeordnet sind — Leim, Nägel, Schrauben.
- Betriebsstoffe: Werden im Produktionsprozess verbraucht, gehen aber nicht physisch in das Produkt ein — Maschinenöl, Schleifpapier, Reinigungsmittel.
Diese Abgrenzung ist nicht nur steuer- und handelsrechtlich relevant, sondern auch für die Kostenträgerrechnung: Rohstoffe werden den Einzelkosten zugerechnet, Hilfs- und Betriebsstoffe meist als Gemeinkosten verrechnet.
Rolle in der Stückliste
Rohmaterialien werden als Positionen in der Produktionsstückliste des Endprodukts hinterlegt — mit Artikelnummer, benötigter Menge und Ausgabemethode. Der Stücklistentyp „Produktion" ist die Basis für jeden Fertigungsprozess und listet alle Rohmaterialien sowie gegebenenfalls Hilfsstoffe und Ressourcen auf, die zur Herstellung des Endprodukts erforderlich sind.
Konfiguration über: Module → Produktion → Stücklisten.
Materialausgabe und Verbrauch
Die physische Entnahme von Rohmaterialien aus dem Lager für einen Produktionsauftrag heißt Materialausgabe und mindert den Bestand der Komponenten. SAP Business One unterstützt zwei Verfahren:
- Manuelle Ausgabe („Push"): Die Komponenten werden explizit über den Beleg „Ausgabe für Produktion" gebucht — vor oder während der Fertigung. Konfiguration über: Module → Produktion → Ausgabe für Produktion.
- Automatische Ausgabe („Backflush" / „Pull"): Die Komponenten werden bei der Fertigstellung des Endprodukts automatisch ausgebucht, basierend auf den Mengen in der Stückliste des Produktionsauftrags. Das reduziert den manuellen Buchungsaufwand erheblich.
Die Methode wird in den Artikelstammdaten oder im Produktionsauftrag festgelegt (z. B. „Rückfluss bei Fertigmeldung"). Für chargen- und seriennummerngeführte Rohmaterialien ist ausschließlich die manuelle Ausgabe zulässig, da Chargen-/Seriennummern beim Backflush nicht automatisch zugeordnet werden können.
Kostenrechnung und Bestandsbewertung
Die Kosten der verbrauchten Rohmaterialien fließen direkt in die Ist-Kostenkalkulation des fertiggestellten Produkts ein. Bei der Fertigstellungsmeldung (Module → Produktion → Eingang aus Produktion) summiert das System Materialkosten aller eingesetzten Rohmaterialien und Komponenten sowie die verrechneten Ressourcenkosten, um den Einstandspreis des produzierten Artikels zu bilden.
Je nach Bewertungsmethode (FIFO, gleitender Durchschnitt, Standardpreis) wirken sich Preisänderungen bei Rohmaterialien unterschiedlich schnell auf die Herstellkosten aus. Beim gleitenden Durchschnitt schlagen Einkaufspreisänderungen unmittelbar durch — bei FIFO erst, wenn ältere Schichten aufgebraucht sind.
Materialbedarfsplanung (MRP)
Der MRP-Assistent (Module → MRP → MRP-Assistent) berücksichtigt den Rohmaterialbedarf, der sich aus geplanten Produktionsaufträgen für Endprodukte ergibt. Auf Basis von offenen Bedarfen, aktuellen Lagerbeständen, offenen Bestellungen, Sicherheitsbeständen und Prognosen generiert der MRP-Lauf Empfehlungen — entweder Bestellungen bei externen Lieferanten oder Produktionsaufträge für intern gefertigte Vorprodukte.
Eine präzise MRP-Pflege ist bei Rohmaterialien besonders wichtig: Engpässe bei einem einzigen Rohstoff können ganze Produktionsketten stoppen, während Überbestände unnötig Kapital binden.
Demontage und Rückgewinnung
Bei einer Demontage wird der Produktionsprozess umgekehrt: Ein übergeordneter Artikel wird zerlegt, die enthaltenen Rohmaterialien werden dem Lagerbestand wieder zugeführt. Der Lagerwert des Oberartikels wird dabei anteilig auf die zurückgeführten Komponenten verteilt — entsprechend ihrer aktuellen Bewertung im System.
Praxistipp
Trennen Sie Rohstoffe und Hilfsstoffe in getrennten Artikelgruppen und mit unterschiedlichen Aufwandskonten. Das erleichtert die Auswertung der Materialeinzelkosten, macht die Kalkulation des Rohertrags präziser und vereinfacht das Reporting an Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer. Betriebsstoffe gehören ohnehin nicht in die Produktionsstückliste — erfassen Sie diese als separate Aufwandsbuchungen, nicht als Stücklistenkomponenten.
Abgrenzung
Rohmaterialien sind nicht dasselbe wie Handelswaren — diese werden unverändert weiterverkauft und durchlaufen keinen Produktionsprozess. Sie sind auch abzugrenzen von Halbfabrikaten: Diese entstehen bereits als Zwischenprodukt im Fertigungsprozess und können entweder weiterverarbeitet oder als eigenständige Artikel verkauft werden. Ebenso unterscheiden sie sich von Betriebsstoffen, die zwar im Produktionsprozess verbraucht, aber nicht physisch Teil des Endprodukts werden — sie gehören nicht in die Stückliste, sondern auf Gemeinkostenkonten.
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