Arbeit 4.0: Schneller, weiter, höher oder Entschleunigung?
3 Jul

Arbeit 4.0: Schneller, weiter, höher oder Entschleunigung?

Die rasante Automatisierung der Arbeitswelt hat viele Stimmen besorgt und laut nach Entschleunigung werden lassen. Digitale Systeme könnten aber dennoch eine Chance für die moderne Arbeitsgesellschaft bieten. Ein beobachtender Meinungs-Bericht.

Bereits vor über zwei Jahrhunderten haben die Menschen Maschinen eingesetzt um die Effiziez ihrer Arbeit zu steigern. Aus heutiger Perspektive sind viele dieser Automatisierungs-Prozesse im Schneckentempo vorangegangen. Diese wurden maßgeblich durch die Digitalisierung, insbesondere mit der Verbreitung des World Wide Webs in den 2000ern gesteigert. Durch den verbreiteten Einsatz von Software, die sich zunehmend vernetzen kann, sind viele Handgriffe obsolet geworden. Und werden es weiterhin. Das Tempo, in denen die Möglichkeiten zur Automatisierung von Arbeitsprozessen entwickelt werden, scheint vielerorts bedrohlich.

Möglichkeiten und Realität

Was viele Medien-Berichte bei ihrem (düsteren) Blick in die Zukunft außer acht lassen ist, dass es zunächst dennoch Menschen sind, die die Technik in ihren Unternehmen etablieren. Zwar kann man vielerorts die Bemühungen beobachten, mit der potentiellen Geschwindigkeit der heutigen Automatisierung Schritt zu halten. Vorreiter sind die Technologie-Giganten GAFA (Google, Apple, Facebook und Amazon). Jedoch ist es fraglich, ob diese Versuche die Realität unserer Arbeitsgesellschaft wiederspiegeln.

Eine Studie des Fachverlas IDG hat 2017 Mitarbeiter von rund 1.500 Unternehmen zum Thema Arbeitsplatz der Zukunft befragt. 95 Prozent der Befragten kommunizieren via E-Mail, 88 Prozent auch über Telefon. Nun arbeiten die intelligenten Systeme von Morgen nun aber mit Daten, die in diesen Fällen in keiner Software registirert werden. Da kann Big Data (wie der Name schon sagt) nicht ihren Zweck erfüllen. Natürlich liefert das Beispiel der Kommunikation nur einen Ausschnitt der heutigen Arbeitsrealität und dennoch ist er exemplarisch, da mit der Technik auch die Abeitsgwohnheiten wachsen müssen.

Kein Tempo ist auch keine Lösung

Gleichzeitg haben bereits viele der Befragten der Studie den Wunsch, nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung durch technologische Möglichkeiten wie Cloud-Systeme. Auch neue Arbeitszeitmodelle sind in der Studie beliebt und immerhin zwei von drei der befragten Unternehmer haben verstanden, dass die Abreitsplätze in dieser hinsicht weiterentwickelt werden müssen. Aufgabenmanagement, also auch die Zusammenarbeit und somit Arbeits-Hirarchien würden sich dadurch maßgeblich verändern und das braucht – unabhängig von den Möglichkeiten – Zeit.

Weiter lässt der Wunsch nach mehr Freiraum stark vermuten, was viele erschöpfte Arbeitnehmer und Arbeitgeber berichten und oft gesundheitlich ausbaden müssen. Kollektives Burn-Out, also Tempo raus. Automatisiete Prozesse könnten hier in der Theorie unterstützend wirken. Aufgaben wie das Reporting oder Rechnungen, die häufig die letzten Minuten und auch den letzten Nerv rauben werden von Systemen übernommen.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, die dadurch überbleibende Zeit nicht sofort wieder zu füllen. Schließlich sind wir besonders im Kapitalismus als Gesellschaft einem untersättlichen Steigerungsdrang unterworfen, der auch durch sämtliche “Slow-Work” Philosophien nicht auszumerzen sein wird. So denkt zumindest Dr. Hartmut Rosa. Anstatt vermindertes Tempo, vermutet der Soziologe, dass die Art und Weise wie wir mit unserer Umwelt in Berührung kommen für ein zufriedenes und gesundes Arbeiten sorgt. Was er als “Resonanz” beschreibt, heißt auf die Arbeitswelt übertragen, dass wir mehr Zeit für echte Auseinandersetzung mit Dingen und Menschen haben und dadurch mit diesen anders in Beziehung treten.

Kontolle ist gut, Menschen können besser sein

Das können die meisten arbeitenden Menschen nachvollziehen – ein technologisches System nicht. Was eine Software in Zeiten von Big Data dafür besser kann, ist Daten in Beziehung setzen und relativieren. Für Unternehmen sind diese Ergebnisse wichtig, da sie Basis für Entscheidungen sind, die deren Wachstum und Fortbestehen (angeblich) sichern. Dass wir permanent versuchen alles kontrollierbar zu machen, ist laut Rosa ebenfalls verantwortlich für die Erschöpfungserscheinungen der heutigen Arbeitsgesellschaft.

Was insgesamt sehr dystopisch klingt, kann aber auch ein Chance für die Zukunft der Arbeit sein. Wenn wir es Systemen überlassen, unsere Daten kontrollierbar zu machen und für alles “nicht-steuerbare” mit unserer menschlichen Intuition und unserem Schaffensdrang einstehen, füllen wir unsere (Arbeits)Zeit im selben Maße, aber möglicherweise mit einem anderen Gefühl. Zwar wissen wir nicht auch dann nicht was die Zukunft bringt, aber immerhin gestalten wir die Gegenwart.

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