Die E-Rechnung in Europa längst kein Nischenthema mehr. Mit der Richtlinie 2014/55/EU und dem technischen Standard EN 16931 hat die EU einen gemeinsamen Rahmen geschaffen – doch die Praxis zeigt ein deutlich komplexeres Bild. Wer als Unternehmen grenzüberschreitend tätig ist, begegnet einer Vielzahl nationaler Plattformen, Formate und Fristen, die trotz gemeinsamer Basis erheblich voneinander abweichen. Dieser Artikel gibt einen strukturierten Überblick über den aktuellen Stand der E-Rechnungs-Landschaft in Europa.
Weiterlesen: E-Rechnung in Europa: Harmonisierter Standard und nationale FragmentierungEN 16931 als gemeinsamer Nenner – und seine Grenzen
Der Standard EN 16931 definiert das semantische Datenmodell für die E-Rechnung in Europa. Er legt fest, welche Informationen eine Rechnung enthalten muss, damit sie grenzüberschreitend maschinenlesbar und rechtlich anerkannt ist. Damit bildet er die Grundlage für interoperable Systeme und vereinfacht – zumindest in der Theorie – den grenzüberschreitenden Handel erheblich.

In der Praxis ergänzen die Mitgliedstaaten diesen Standard jedoch durch nationale CIUS-Spezifikationen (Core Invoice Usage Specifications). Portugal nutzt den CIUS-PT, Rumänien den RO_CIUS, Kroatien ein eigenes nationales CIUS. Jede dieser Spezifikationen schreibt zusätzliche Pflichtfelder, spezifische Syntaxen oder abweichende Validierungsregeln vor. Folglich entstehen für ERP-Systeme erhebliche Anpassungsaufwände, auch wenn der zugrundeliegende Standard derselbe ist. Technisch gesprochen: EN 16931 harmonisiert die Semantik, jedoch nicht die operative Umsetzung.
Zwei Modelle, ein Ziel: Zentralisierte Plattformen vs. dezentrale Netzwerke
Betrachtet man die Implementierungsmodelle in Europa, lassen sich zwei grundlegende Ansätze unterscheiden: der zentralisierte Plattform-Ansatz und das dezentrale Netzwerkmodell.
Das italienische SDI als Interoperabilitäts-Vorbild
Nordeuropa und das Baltikum: Peppol als Rückgrat
Länderspezifische Mandate im Überblick – was Unternehmen jetzt wissen müssen
Bereits aktive B2B-Pflichten
Mandate 2025–2028
ViDA: Der nächste Entwicklungsschritt auf EU-Ebene
Hinter vielen dieser nationalen Fahrpläne zur E-Rechnung in Europa steht ein übergeordnetes EU-Projekt: das Paket „VAT in the Digital Age” (ViDA). ViDA wird die elektronische Rechnungsstellung zum verbindlichen Standard für grenzüberschreitende Transaktionen innerhalb der EU erheben und gleichzeitig die digitalen Meldepflichten harmonisieren. Damit verschiebt sich der Charakter der E-Rechnungs-Compliance grundlegend: Statt reaktiver Anpassung an nationale Einzelanforderungen müssen Unternehmen eine strategische digitale Infrastruktur aufbauen, die sowohl zentralisierte Clearinghouse-Modelle als auch dezentrale Peppol-Netzwerke nahtlos bedienen kann.

Für Unternehmen, die in mehreren EU-Ländern aktiv sind, ergibt sich daraus eine klare Handlungspriorität: Die Frage ist nicht mehr, ob E-Rechnungspflichten kommen, sondern wie schnell die eigenen ERP-Systeme und Prozesse die notwendige Flexibilität für eine fragmentierte, aber zunehmend vernetzte europäische Compliance-Landschaft bereitstellen.
Vergleich der E-Rechnungs-Regelungen in EU-Mitgliedstaaten
Stand: 2024/2025 · Alle Angaben ohne Gewähr
| Land | Zuständige Behörde | B2G-Mandat | B2B-Mandat | B2C-Mandat | Standard & Formate | Plattform / Betriebsmodell | MwSt.-Echtzeitmeldung | Quelle |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Italien | Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, Steuerbehörde | Ja seit 2014/2015 |
Ja seit 2019 |
Ja seit 2019 |
EN 16931, FatturaPA (XML) | Sistema di Interscambio (SDI) | Ja | 1, 2 |
| Rumänien | Ministerium für Verkehr und Kommunikation | Ja seit 2020 |
Ja seit Jan 2024 |
Ja seit Jan 2025 |
EN 16931, RO_CIUS (UBL 2.1, CII) | RO e-Factura | Ja Meldung innerhalb von 5 Tagen |
3 |
| Frankreich | Finanzministerium, AIFE, DGFiP | Ja seit 2020 |
Geplant Phaseneinführung ab Sept 2026 |
Nein | EN 16931, UBL 2.1, CII, Factur-X | Chorus Pro | Geplant ab Sept 2026 |
2, 4 |
| Deutschland | Bundesministerium der Finanzen | Ja | Teilweise Empfangspflicht ab Jan 2025, Ausstellung schrittweise ab 2027 |
Nein | EN 16931, XRechnung, ZUGFeRD 2.x | Dezentral (ZRE, OZG-RE, Leitweg-ID) | Nein | 2, 5 |
| Belgien | Föderaler Öffentlicher Dienst Politik und Unterstützung (BOSA) | Ja | Geplant ab 01.01.2026 für MwSt.-Pflichtige |
Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | Mercurius, Peppol-Netzwerk | Geplant für 2028 |
2, 6 |
| Polen | Ministerium für Finanzen | Ja | Geplant ab 2026 verpflichtend |
Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | PEF, KSeF (ab 2026 integriert) | Geplant ab 2026 über KSeF |
7 |
| Kroatien | Wirtschaftsministerium | Ja seit Juli 2019 |
Geplant erwartet ab Jan 2026 |
Nein | EN 16931, UBL 2.1, CII | Servis eRačun za državu (FINA) | Geplant Fiskalizacija 2.0 ab 2026 |
2, 8 |
| Portugal | Finanzministerium, Autoridade Tributária | Ja seit 2021 für große Unternehmen, ab 2025 für KMU |
In Entwicklung / ViDA | Nein | EN 16931, CIUS-PT (UBL 2.1, CII) | Portal BASE, FE-AP (eSPap) | Ja seit 2013 |
2, 9 |
| Griechenland | Finanzministerium, IAPR | Teilweise schrittweise ab 2024/2025 |
Geplant Gesetzgebung erwartet |
Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | KE.D (Nationales Interoperabilitätszentrum), myDATA | Ja über myDATA |
2, 10 |
| Spanien | Ministerium für Wirtschaft, Finanzministerium, AEAT | Ja seit Jan 2015 |
Geplant Mandat über Gesetz 18/2022 in Vorbereitung |
Nein | EN 16931, Facturae (XML, XAdES) | FACe, FACeB2B | Ja SII-System |
11 |
| Dänemark | Dänische Unternehmensbehörde | Ja | Geplant digitale Buchführungspflicht ab 2026 |
Nein | EN 16931, OIOUBL, Peppol BIS 3.0 | NemHandel | Ja über zertifizierte Buchhaltungssysteme |
2, 12 |
| Ungarn | Nationale Steuer- und Zollverwaltung (NAV) | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Nov 2019 |
Teilweise außer Energieversorgung ab Juli 2025 |
Nein | EN 16931, XML | NAV Online Invoicing System | Ja RTIR-System |
2, 13 |
| Estland | Finanzministerium | Ja Käuferwahl-Prinzip seit Juli 2025 |
Ja Käuferwahl-Prinzip seit Juli 2025 |
Nein | EN 16931, Estnischer XML-Standard | Dezentrales Modell (über private Dienstleister) | Nein | 2, 14 |
| Finnland | Staatskasse | Ja | Teilweise Recht auf E-Rechnung ab 10.000 € Umsatz |
Nein | EN 16931, Finvoice 3.0, TEAPPSXML 3.0, Peppol BIS 3.0 | Zentralisiert (über Dienstleister und Handi-Service) | Nein | 2, 15 |
| Lettland | Finanzministerium | Ja seit Jan 2025 |
Geplant ab Jan 2028 verpflichtend |
Nein | EN 16931 | eAddress (VDAA) | Geplant ab 2026/2028 |
16 |
| Österreich | Bundesministerium für Finanzen | Ja seit April 2020 für Bundesbehörden |
In Entwicklung / ViDA | Nein | EN 16931, ebInterface, UBL 2.1, CII | Unternehmensserviceportal (USP), e-Rechnung.gv.at | Nein | 2, 17 |
| Slowakei | Finanzministerium | Ja seit Aug 2019 |
Geplant ab Jan 2027 |
Nein | EN 16931, UBL 2.1, CII | IS EFA (wird durch Peppol-Lösung ersetzt) | Geplant ab Jan 2027 |
18 |
| Island | Ministerium für Finanzen und Wirtschaft | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Jan 2020 |
Ja | Ja | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0, TS-236 | Peppol eDelivery Network | Nein | 19 |
| Schweden | Agentur für digitale Verwaltung (Digg), Steuerbehörde | Ja seit April 2019 |
Nein | Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | Keines (dezentrale Access Points) | Nein | 20 |
| Luxemburg | Ministerium für Digitalisierung | Ja seit März 2023 |
Nein | Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0, UBL 2.1, CII | Peppol-Netzwerk, guichet.lu | Nein | 21 |
| Litauen | Wirtschaftsministerium | Ja seit Juli 2017 |
Geplant ab 2028 |
Nein | EN 16931, Peppol BIS 3.0, CII | SABIS (ehemals eSąskaita) | Nein | 22 |
| Norwegen | Ministerium für Digitalisierung, DFØ | Ja | Nein | Nein | EN 16931, EHF (Elektronisk Handelsformat), Peppol BIS 3.0 | Peppol eDelivery Network, ELMA-Register | Nein | 23 |
| Niederlande | Innenministerium, Logius, RVO | Teilweise Mandat für Zentralregierung |
Nein | Nein | EN 16931, NLCIUS, Peppol BIS 3.0, UBL-OHNL, SETU | Digipoort, Peppol-Netzwerk | Nein | 24 |
| Tschechien | Finanzministerium, Innenministerium | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Okt 2016 |
In Entwicklung / ViDA | Nein | EN 16931, ISDOC, UBL 2.1, EDIFACT | Národní elektronický nástroj (NEN) | Nein | 2, 25 |
| Bulgarien | Ministerium für Verkehr, Informationstechnologie und Kommunikation | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Nov 2019 |
In Entwicklung / ViDA | Nein | EN 16931, UBL 2.1, CII | CAIS EPP | Nein | 2, 26 |
| Zypern | Finanzministerium | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit April 2019/2020 |
In Entwicklung / ViDA | Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | Cyprus Government Gateway Portal (gov.cy) | Nein | 2, 27 |
| Irland | OGP, Office of the Revenue Commissioners | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Juni 2019 |
Nein | Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | Peppol eDelivery Network | Nein | 28 |
| Malta | Finanzministerium, Steuerverwaltung | Teilweise Empfangspflicht für Behörden seit Nov 2018 |
Nein | Nein | EN 16931, Peppol BIS Billing 3.0 | Keines (Nutzung des Peppol-Netzwerks) | Nein | 29 |
| Liechtenstein | Ministerium für Präsidiales und Finanzen | Teilweise Empfangspflicht für Behörden |
Nein | Nein | EN 16931, XML | Keines (Einreichung per E-Mail) | Nein | 30 |
E-Rechnungs-Compliance in SAP Business One umsetzen
SAP Business One bietet für die beschriebene Anforderungsvielfalt zur E-Rechnung in Europa mehrere aufeinander aufbauende Instrumente – jedoch mit unterschiedlicher Reichweite je nach Zielland.
ZUGFeRD und EN 16931: die native Basis
SAP Business One kann E-Rechnungen im ZUGFeRD-Format generieren und verarbeiten. Das Profil ZUGFeRD 2.4 EN 16931 entspricht dabei direkt dem europäischen Standard und erfüllt damit die technischen Grundanforderungen für den B2G-Bereich sowie für Länder, die keine darüber hinausgehenden nationalen Spezifikationen vorschreiben. Für viele mitteleuropäische Anwendungsfälle ist dieses Profil daher der sinnvolle Ausgangspunkt.
Peppol-Integration über die Versino Financial Suite
Für dezentrale Netzwerke und grenzüberschreitende Transaktionen – also insbesondere für Länder wie Schweden, Finnland, Luxemburg oder die baltischen Staaten – deckt die Peppol-Integration in SAP Business One das „Four-Corner-Modell” ab. Die Versino Financial Suite bindet SAP Business One an das Peppol-Netzwerk an und unterstützt dabei Ein- und Ausgangsrechnungen, Gutschriften sowie Lastschriften. Der integrierte „Monitor für elektronische Belege” ermöglicht die zentrale Verwaltung und Statusverfolgung aller übertragenen Dokumente.
Nationale CIUS-Spezifikationen: Add-ons und SDK
Für Länder mit eigenen Plattformen und Formaten – etwa FatturaPA in Italien oder RO e-Factura in Rumänien – reicht der native Standard allein nicht aus. SAP Business One bietet über sein SDK und Partnerlösungen die notwendige Flexibilität, um die standardisierten SAP-B1-Belege in das jeweilige nationale Format zu transformieren. Dieser Schritt erfordert jedoch in der Regel länderspezifische Add-ons oder Integrationsszenarien, die über den Standard-Lieferumfang hinausgehen.
Stammdaten als Fundament
Unabhängig vom Zielland gilt: Eine E-Invoicing-Implementierung steht und fällt mit der Qualität der Stammdaten. Korrekte Steuernummern und Steuercodes in den Geschäftspartnerstammdaten, konsistente Artikeldaten sowie eine sauber konfigurierte Kontenfindung und Mehrwertsteuergruppen sind die Voraussetzung dafür, dass eingehende und ausgehende E-Rechnungen fehlerfrei und überdies automatisch verarbeitet werden. Nachträgliche Korrekturen durch inkonsistente Stammdaten verursachen genau den manuellen Aufwand, den E-Invoicing eigentlich eliminieren soll.
Archivierung und Abstimmung
Ergänzend empfiehlt sich eine revisionssichere Archivierung aller übermittelten und empfangenen E-Rechnungsdateien – idealerweise mit direktem Belegbezug im jeweiligen SAP-B1-Dokument. Zudem sollten die in SAP Business One gebuchten MwSt-relevanten Transaktionen regelmäßig mit den über die E-Invoicing-Plattformen gemeldeten Daten abgeglichen werden. Dadurch lassen sich Konsistenz und Compliance dauerhaft sicherstellen und dabei externe Audits erheblich vereinfachen.
E-Rechnung in Europa: Harmonisierter Standard und nationale Fragmentierung
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